Das Recht, nicht ganz normal zu sein

Lieber Ulf Poschardt, 

 

Ihre im Tweet an uns herangetragene Kritik, Ihren Meinungs-Artikel "Das Recht, radikal zu sein" zur Causa Greta Thunberg gar nicht in Gänze gelesen und Sie trotzdem verurteilt zu haben, wollten wir dann doch nicht stehen lassen.

 

Alles fing recht harmlos mit unserer Einlassung zu Ihrem Meinungsartikel an:

Dass Ihr eloquentes Gerede von "Erlöserprojektionen" in erster Linie dazu dient, Ihrer in überwiegenden Teilen klimawandelleugnerischen Leserschaft gerecht zu werden, wissen Sie ja vermutlich selbst, aber dazu gleich mehr. Schon in Ihrem Anreißer gestehen Sie Greta Thunberg zu, als 16-jährige gar keinen (oder zumindest nur wenig) eigenen Willen zu besitzen. Instrumentalisiert von Eltern, Sponsoren und Anhängern, darunter machen Sie es nicht.


Prinzipiell bezieht sich der Inhalt unseres Tweets ja eigentlich nur auf den Inhalt Ihres Anreißers. Und damit wäre bereits fast alles gesagt gewesen, aber Sie wollten mehr:

Wir verneinten und fragten Sie, ob der Text, den man nur als Welt+ Abonnent zu sehen bekommt, denn allzu sehr von seiner Einleitung abweichen würde und bekamen keine Antwort. Nachdem wir todesmutig die 30-tägige Testphase bei Welt-Plus begonnen und uns alles angeschaut haben, wissen wir auch, wieso.

 

Die seltsame Reduzierung von Greta Thunberg auf Ihr Äußeres taugt schon im Ansatz nicht dazu, Ihre Meinung sonderlich ernst zu nehmen und entlarvend ist sie zudem. Sie sage "abgefahrene Sachen" wie das mit dem in Panik geraten, und Ihre "Instrumentalisierung" (die sie ständig erwähnen, doch nirgends belegen) sei ein "zynisches Verschanzen hinter gut inszenierter Reinheit mit traurigen Kinderaugen, denen etwas Sakrales angedichtet wird". Ganz so als ob im hohen Norden ein Casting namens "Schweden sucht den unschuldigen Ökoaktivisten" stattgefunden und Greta Thunberg NICHT Freitags zunächst allein und mit Schild bewaffnet vor dem schwedischen Reichstag gestanden hätte, um für eine bessere Umweltpolitik ihres Landes zu demonstrieren. 

 

Auch die Schilderung Ihrer eigenen Jugend, in der Sie dem "Anarchosyndikalismus" anhingen und die Sie dann später als Irren und Wirren abtaten, taugt nur mittelbar zur Evidenz von Gretas T(h)un. Soll eine schwedische 16-jährige sich also weniger für die Umwelt interessieren, weil ihr der weise Chefredakteur der Welt in seinem Meinungsartikel aufzeigt, dass rebellenhaftes Benehmen in jungen Jahren zwangsläufig im Spießertum mündet, wenn man diese träumerische Phase erst mal überwunden hat?

 

Ne, damit kriegen Sie uns irgendwie auch nicht, genausowenig, wie mit Wortungetümen wie "Verbalradikalismus" oder "vulgärheroisch". Wenn Greta Thunberg wie z.B. im Spiegel-Interview Sachen sagt wie "Die meisten Erwachsenen sind sich nicht bewusst, wie schwerwiegend die Klimakrise ist. Sie wissen, dass sich etwas verändert, aber sie wissen nicht genau, welche Folgen der Klimawandel haben wird. Die Erwachsenen müssen erkennen, dass sie die Zukunft ihrer Kinder und der Generationen danach aufs Spiel setzen, wenn sie so weiter machen."klingt das in erster Linie alles andere als radikal oder vulgär, sondern nach einem normalen Maß an Aktivismus, wie Sie es Greta Thunberg im Eingangsabschnitt netterweise noch zugestehen.

 

Naja, aber schon einen Abschnitt weiter fürchten Sie das Ideal der "pupertären Erregung" und der "geistigen Unreife", das den mündigen Bürger ablöst. Puh. Wissen Sie, mündige Bürger schaffen es in diesen Tagen, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden, beim Schneechaos im eigenen Land die Begriffe "Klima" und "Wetter" durcheinanderzuwirbeln und via Twitter süffisant die fehlende Erderwärmung zu beklagen. Mündige Bürger in Politikerverkleidung schaffen es seit Jahren, Klimakonferenzen zu absoluten Clown-Veranstaltungen zu degradieren, auf denen "Absichtserklärungen" das maximal machbare Ergebnis sind. Und dann kommen Sie und andere Schreiberlinge (Fleischhauer, Tichy) ins Schlottern und Lamentieren, wenn ein schwedisches "Gegengewicht" in Form von Greta Thunberg um die Ecke biegt? Wie wir schon sagten: Sehr entlarvend. 

 

Am Ende machen Sie auch noch den demographischen Faktor dafür verantwortlich, dass die Leute Greta überhaupt zuhören. Weil es so viele alte Menschen gäbe und so wenig Junge, behandele man diese wie ein kostbares Gut und schenkt ihnen viel zu viel Aufmerksamkeit. Ziemlich weit hergeholt und recht überkonstruiert. Sie bemühen sogar Winston Churchill, der den Wert der Jugend einst darin sah im Freiraum zu irren und Fehler möglichst früh zu begehen. 

 

Der Umweltaktivismus der Greta Thunberg scheint also ein Fehler zu sein, weil...ja warum eigentlich? Gut, wenn man den Klimawandel komplett von oben bis unten ignoriert, ihn als gegebene Anomalie im universalen Kontext kleinredet und sich einfach nur über mehr sonnige Tage freut, kann man das als jugendlichen Fehler churchillschen Ausmaßes hernehmen. Dann freuen Sie und Ihre Leserschaft sich doch darüber, dass der (offenbar ideologisch geführte) Kampfeswille für bessere Lebensbedingungen auf dem Planeten auch aus Greta Thunberg irgendwann entweichen wird, wenn - Zitat - "ihre Sturm-und-Drang-Phase entzaubert ist und sie mit dem bitteren Ernst erwachsener Anliegen kurzschließt".

 

Im Kommentarsektor Ihrer Seite schließt sich der Kreis dann endgültig, wo von grünen Jetsettern, moderner Form von Kindesmissbrauch, Gretas Autismus (na klar, ein Mädchen mit Asperger-Sydrom darf alles machen, aber sich nicht für die Umwelt einsetzen), verhaltensgestörten Klima-Ikonen bis hin zur Aufforderung, Greta solle erst mal was leisten und Steuern zahlen (jawoll!) die Rede ist. 

 

Am meisten jedoch gelacht haben wir über Ihren Schlusssatz, Herr Poschardt: "Gretas Panik will Angst und Stress auslösen. So wie altmodische, böse Lehrer bei unwilligen Kindern."

 

Oder wie nur eine Internetseite weiter bei Ihren Kollegen von BILD.de, die mit der "Blutige Bilanz des Messer-Wochenendes" titeln.

SG

Kommentare: 6
  • #6

    Danke für diesen Kommentar. (Mittwoch, 20 Februar 2019 15:07)

    ��

  • #5

    Bunny (Dienstag, 19 Februar 2019 20:35)

    Wie immer auf den Punkt, Herr Chefredakteur ���

  • #4

    Wuäst (Dienstag, 19 Februar 2019 13:33)

    Da fehlt nur noch ein Mic Drop
    Wahrlich gut geschrieben

  • #3

    Lauch (Dienstag, 19 Februar 2019 12:08)

    Damit habt ihr euch selbst entlarvt. Ihr schreibt auch nur den selben Müll wie andere. Schön zu sehen wie ihr absichtlich falsche Behauptungen aufstellt und die Wahrheit verdreht @postillleaks :D

  • #2

    Snerts (Montag, 18 Februar 2019 18:37)

    Wahrhaftig gut gesprochen!

  • #1

    Uberreich (Montag, 18 Februar 2019 17:38)

    Ehre genommen